Die Standortqualität entscheidet

Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung in Weilburg und die Prognose für 2020.

Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung in Weilburg und die Prognose für 2020.

12.001 Einwohner hat die Stadt Weilburg mit allen Stadtteilen im Jahre 2020. Diese Prognose des Weilburger Demografieforsches Andreas Tiefensee war der Kern eines Vortragsabends, den das Weilburger Forum Anfang Oktober 2014 veranstaltete. Neu ist diese Zahl nicht, denn auch andere Institute bewegen sich in diesem Bereich. Wichtig war die Botschaft trotzdem, denn die Auswirkungen des demografischen Wandels werden von vielen Akteuren auf der kommunalen Ebene schlichtweg ignoriert. Dabei befinden wir uns in Weilburg mitten in einem seit Jahren laufenden Schrumpfungsprozess. 2003, zwei Jahre vor dem Hessentag, gab es noch 13.629 Einwohner, jetzt informiert das Einwohnermeldeamt über 12.784 Einwohner zum Jahresende 2014.

Weilburg wird kleiner

Weilburg wird kleiner – eine Tatsache, die im politischen Handeln der Stadt nicht vorkommt. Noch im Jahre 2004 hat der Bürgermeister in einem großen TAGEBLATT-Bericht als Ziel für das Jahr 2020 insgesamt 15.000 Einwohner genannt. Gegen den allgemeinen Trend sollte dies erreicht werden, so die Einschätzung des Rathauschefs. Ein Phantom-Ziel, vollständig an der Realität vorbei.

Eine Prognose aus 2004. Wunsch und Wirklichkeit liegen weit auseinander.

Eine Prognose aus 2004. Wunsch und Wirklichkeit liegen weit auseinander. (Quelle: Weilburger Tageblatt)

Doch wie geht es weiter, wie geht die Stadt mit dieser Entwicklung um? Hier brachte der Abend wenig neue Erkenntnisse. Mehr Geburten, mehr Zuwanderung, so die Vorschläge des Referenten. Doch mehr Geburten schloss er selbst aus. Und für ein „Mehr“ an Zuwanderung wurde keine tragfähige Strategie präsentiert.

In den letzten Jahren haben die prosperierende Zentren eine große Anziehungskraft, in der Fachwelt wird von „Schwarmstädten“ gesprochen. Hohe Mieten schrecken nicht ab, weil es auch gute Löhne gibt, die dort gezahlt werden. Insbesondere für junge gut ausgebildete Personen strahlen sie eine große Faszination aus. Doch auch die Generation „Silberlocke“, die rüstigen Jung-Senioren suchen attraktive Standorte, wo der Laden für Butter und Milch um die Ecke ist, wo der Arzt und der Zeitungsladen zu Fuß erreicht werden kann. Das schnelle Internet ist eine Selbstverständlichkeit. Eine gute Infrastuktur und eine hohe Wohnqualität wirken anziehend und dafür werden Standorte in der Fläche aufgegeben.

Bauland im Überfluss

Schlechte Aussichten für das platte Land. Intakte Natur gibt es hier im Überfluss, doch bei der übrigen Standortqualität hapert es in vielen Bereichen. Der lange Zeit von der kommunalen Politik praktizierte Weg der Baulandausweisung für neue Einwohner hat sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts überholt, wie wir in Weilburger Baugebieten in Ahausen und Hirschhausen bitter erfahren müssen. Auch viele Nachbarorte bieten Bauland wie saures Bier an (z.B. das Wohngebiet „ Käuzerain“ im Ortsteil Niedershausen oder das Baugebiet „Kappesborder Berg“ in Runkel) allerdings ohne großen Erfolg.

Leere Baugebiete bei gleichzeitigen Leerständen in den Ortslagen, so sieht es heute in vielen ländlichen Regionen in Hessen aus. Aktionismus und unkoordinierte Maßnahmen helfen nicht weiter. Erforderlich ist eine kluge Entwicklungsstrategie, bei der die „Wohnortattraktivität“ zum zentralen Dreh- und Angelpunkt wird. Nur so gelingt es, die Bewohner an den Standort zu binden und gleichzeitig neue Einwohner in die Region zu holen. Weilburg hat hier gute Chancen, denn wir liegen in einem Übergangsbereich zwischen dem Ballungsraum, der Metropolregion „Rhein-Main“ und den ländlichen Regionen Hessens.

Qualifizierte Arbeitsplätze, eine hochwertiges Kinderbetreuungs- und Bildungsangebot, eine intakte Gesundheitsversorgung, schnelle Verkehrsanbindungen, ein attraktives Versorgungsangebot mit Läden und Geschäften, ein Kulturangebot auf hohem Niveau, ein ansprechendes Wohnumfeld mit einem hohen Freizeitwert. Maßvolle Steuern und überschaubare Grundstückskosten. Das alles und mehr sind wichtige Voraussetzungen unter der Überschrift „Standortqualität“. Kommunen, die planvoll und konsequent an diesen Themen arbeiten werden langfristig im Wettbewerb um Bewohner und um Zuwanderung die Nase vorne haben.

Bauen und Sanieren im Bestand

Eine zentrale Bedeutung für die künftige Entwicklung haben auch der bauliche Zustand und das Wohnumfeld der Siedlungskerne, der Besuchern und Gästen einen ersten Eindruck über die Entwicklung einer Stadt vermittelt. Heruntergekommene Stadt- und Ortskerne mit leeren Wohnungen, leeren Geschäften und fehlenden Investitionen fallen selbst Laien sehr schnell auf und prägen sich in das Bewusstsein ein. Bereits hier fällt die Entscheidung über Zuzug, Wegzug oder Ansiedlungsbereitschaft.

Politik und Rathaus sind gefordert, denn eine Diskussion über die Ausweisung von neuem Bauland hilft hier nicht weiter. Zwanzig, fünfzig oder hundert neue Bauplätze mögen richtig sein und bringen sicherlich einige neue Bauinteressenten in die Stadt. Daneben gibt es aber hunderte Immobilien, die einen hohen Sanierungs- und Investitionsbedarf haben, die demnächst zum Verkauf anstehen oder an Kinder und Enkel vererbt werden. Hier gibt es ein großes öffentliches Interesse, diesen Immobilienbestand in einem intakten Zustand zu halten.

Natürlich befinden sich alle im Privatbesitz und eine Kommune hat keinen Einfluss. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Vielerorts sind gerade die Gemeinden an dieser Stelle aktiv und schaffen Investitionsanreize für die privaten Eigentümer oder helfen bei Verkaufsabsichten mit, neue Käufer zu finden. Öffentliches Engagement zur Werterhaltung und Verbesserung der vorhandenen (privaten) Bausubstanz fehlt bisher in Weilburg, ist aber dringend erforderlich, um Menschen an die Stadt zu binden.

Hirschhausen, ein Stadtteil von Weilburg. so wie hier gibt es überall eine hohe Anzahl an Wohngebäuden, die auch künftig in einem intakten Zustand zu erhalten sind.

Hirschhausen, ein Stadtteil von Weilburg. So wie hier gibt es überall eine hohe Anzahl an Wohngebäuden, die auch künftig in einem intakten Zustand zu erhalten sind.

Eine kluge Strategie und stadtplanerisches Fachwissen

Um die Abwärtsspirale in der Bevölkerungsentwicklung zu verlangsamen, ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich. Eine kluge Strategie und ein planvolles Vorgehen bei der Umsetzung sind die Grundlage für eine Trendwende. Dazu gehört stadtplanerisches Fachwissen und eine gute Beratungs- und Informationsarbeit. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob in Weilburg Politik und Rathaus die Kraft und die Fähigkeit haben, diese Themen aufzugreifen. In dem jetzt von Andreas Tiefensee neu vorgelegte Demografiebericht wurde schon einmal in die „Glaskugel“ geschaut und eine Prognose für 2030 gewagt. 11.000 Einwohner werden für Weilburg vorhergesagt, wenn alles weiterläuft wie bisher. Gelingt es erfolgreich gegen zu steuern, dann sieht es (etwas) positiver für die Stadt aus. 11.500 Einwohner könnten dann in 15 Jahren in unserer Stadt wohnen.

Insgesamt 3911  Wohnhäuser (Gebäude mit Wohnraum) gibt es in Weilburg. Diese Information stammt von der kleinen Volkszählung (Zensus) und wurde jetzt von den statistischen Ämtern des Bundes und der Länder veröffentlicht. Quelle: regionalstatistik.de Rund 70 Prozent davon wurden vor 1978 errichtet. Da freuen sich die Bauhandwerker, denn es gibt mit Sicherheit viel zu sanieren.

Insgesamt 3911 Wohnhäuser (Gebäude mit Wohnraum) gibt es in Weilburg. Diese Information stammt von der kleinen Volkszählung (Zensus) und wurde jetzt von den statistischen Ämtern des Bundes und der Länder veröffentlicht. Quelle: regionalstatistik.de Rund 70 Prozent davon wurden vor 1978 errichtet. Da freuen sich die Bauhandwerker, denn es gibt mit Sicherheit viel zu sanieren.

Ein Beitrag von Hartmut Bock, Stadtverordneter in Weilburg.

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