Drommershausen und der Dorfwettbewerb – ein Praxisbericht

Ortsvorsteher Jochen Janz informiert über Strategien und Aktivitäten

Ortsvorsteher Jochen Janz informiert über Strategien und Aktivitäten.

Drommershausen – ein kleines 500-Einwohner-Dorf am Fuße des Taunus und Stadtteil von Weilburg hat im Jahr 2014 erstmals an dem hessischen Dorfwettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ teilgenommen und dabei prompt in der Gruppe B den Regionalwettbewerb im Landkreis Limburg-Weilburg gewonnen. Dabei war schon die eigentliche Teilnahme eine Überraschung, denn ein Ort, der auf vielen Ebenen aktiv ist, wartet nicht auf einen Wettbewerb, der zusätzliches Engagement erfordert und wichtige Ressourcen bindet. Auch die zuständige Stadtverwaltung gab keine Impulse zur Teilnahme, denn von dort wurde der Wettbewerbsaufruf erst sehr spät zum Jahresanfang weiter gegeben. Was tun, das war die Frage, die erst nach einer Rücksprache mit der zuständigen Fachabteilung beim Landkreis und einer Ermunterung von dort mit einem klaren Ja beantwortet wurde. In einer Sitzung des Ortsbeirats, wenige Tage vor dem Ende der Anmeldungsfrist gab es den Teilnahmebeschluss.

Der Freiwilligentag als Auslöser

Kraft und Mut zum Mitmachen kamen von einem funktionierenden „Freiwilligentag“, der in Drommershausen seit drei Jahren durchgeführt wird und große Teile der Bevölkerung, Jung und Alt mobilisiert. Eigenleistung und Selbstorganisation waren nicht neu und haben eine lange Tradition im Dorf. Baumpflanzaktionen, Umwelttage, Eigenleistung beim Bau von Vereinseinrichtungen, die Organisation von Dorffesten, Kirmes, Jubiläen, das gab es schon immer. Doch der Impuls und die Signalwirkung eines professionell vorbereiteten Freiwilligentages hat einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben, der selbst die Verantwortlichen überrascht hat.

Dabei sind es nicht die Arbeiten, die an diesem Tag erledigt werden. Viel stärker ist eine neue Identifikation mit dem eigenen Ort, ein Wir-Gefühl, welches ansteckend ist und Kräfte mobilisiert, die zur dörflichen Entwicklung beitragen. Doch auch hier ist eine sorgfältige Vorbereitung und eine gute Organisation wichtig, bei der das Handbuch Freiwilligentag der Landesehrenamtsagentur wichtige Anregungen bot. Der Impuls zu dem Aktionstag kam aus der Mitte der Bevölkerung. Zwei aktive Bürger haben gemeinsam mit dem Ortsbeirat das Projekt vorbereitet, es wurde nach Handlungsbedarf im Ort geschaut und Arbeitspakete gebildet, die im Rahmen von Informationsveranstaltungen öffentlich vorgestellt wurden. Für jedes Arbeitspaket (Projekt) gab es ein Team mit verantwortlicher Leitung. Zusätzliche Werbung um Sponsoren, die Bereitstellung von technischem Gerät durch den städtischen Bauhof und regionaler Unternehmen waren wichtige Ergänzungen. Natürlich gab es zum Abschluss immer einen kräftigen Imbiss und einen Umtrunk mit Lob und Anerkennung durch den Ortsvorsteher, um die Begeisterung und Mitwirkungsbereitschaft auch für das Folgejahr zu erhalten.

Aufbauend auf dieses Engagement, so die Hoffnung des Ortsbeirates, wird es leicht, die Bewohner des Ortes auch für die Teilnahme an dem Dorfwettbewerb zu gewinnen.

Neue Kraft für das Dorf

Denn auch inhaltlich konnte Drommershausen einiges bieten, da der Ortsbeirat in der Vergangenheit niemals nur das Tagesgeschäft im Blick hatte, sondern immer Gedanken und Strategien zur örtlichen Entwicklung überlegte. Wie in vielen Dörfern gab es in Drommershausen einen schleichenden Entzug der Infrastruktur. Ein Laden, Bäcker, Metzger und Post fehlten seit Langem. Wie in vielen Dörfern gab es einen höheren Anteil von älteren Menschen im Ortskern, Unternutzung von Gebäuden und erste Leerstände waren erkennbar. Wie in vielen Orten wurde nach neuer Kraft fürs Dorf gesucht. Neues Leben durch neues Bauland und neue Bewohner, so die einfache Formel, die auch in Drommershausen diskutiert wurde. Eine Ursache für beginnende Fehlentwicklungen. Der Ortskern wird nicht stabiler und die Baugebiete am Ortsrand bleiben leer, füllen sich nur langsam und die Menschen dort entwickeln oft eine Distanz zur vorhandenen Bevölkerung.

Weilburger Tageblatt vom 19.08.2006

Weilburger Tageblatt vom 19.08.2006

Auch in Drommershausen wurde diese Diskussion geführt, sachlich und gründlich und eine gegenteilige Strategie entwickelt, die zur Stärkung des Ortes und insbesondere des Kerns führen sollte. „Bei der Weiterentwicklung des Weilburger Stadtteils Drommershausen will der Ortsbeirat statt auf die Erschließung neuer Baugebiete auf die Modernisierung des Ortskerns setzen. Dies war die einhellige Meinung der Ortsbeiratsmitglieder bei der Beratung des Flächennutzungsplans der Stadt Weilburg.“ So wird im Weilburger Tageblatt am 19.8.2006, vor fast zehn Jahren, berichtet.

Für diese Ziele wurde offensiv geworben, in Bürgerversammlungen, durch die Erstellung eines Stadtteilentwicklungskonzeptes und einer freiwilligen Gestaltungsleitlinie. Mit einem Zuschuss aus einem kleinen Förderprogramm konnte die Stadt Bauwilligen helfen. Auch die örtliche Presse hat das Thema sehr konstruktiv und unterstützend aufgegriffen. Es gab schließlich eine überwiegende Akzeptanz für diesen Entwicklungsansatz.
Insgesamt führte dies zu keinem Entwicklungsstopp, sondern zu einem Entwicklungsschub. Ortsangepasste Neubauten in Baulücken, Sanierungen von vorhandenen Gebäuden und auch die Nutzung von noch freien Bauplätzen in dem kleinen Neubaugebiet. Und wer investierte? Es waren insbesondere junge Familien aus dem Dorf und auch neue Bewohner, die ihre Freude an der aktiven örtlichen Gemeinschaft hatten. Stärkung und Stabilisierung der Innenentwicklung war das Ergebnis.

Offen bleibt das Thema Infrastruktur und Versorgung mit einer Herausforderung für die Zukunft. Ein Zurück zum Laden um die Ecke wird es in einem 500-Einwohner-Ort nicht mehr geben. Mobile Versorgung ist künftig gefragt, Hol- und Bringdienste und nachbarschaftliche Hilfen sind aufzubauen.

Soziales Engagement in der Kinder und Jugendarbeit

Bedeutsam ist auch das soziale Engagement im Ort für die Kinder und Jugendarbeit. Die Ortsvereine und auch die Evangelische Kirche leisten hier seit Jahren Vorbildliches. Eine Krabbelgruppe mit dem Namen „Mini-Club“ von engagierten Eltern vor Jahren aufgebaut, wird unter der Regie der Kirche ehrenamtlich betrieben und kümmert sich um die Kleinsten des Ortes unter drei Jahren. Selbst Eltern aus Nachbarorten finden das Angebot attraktiv und nutzen die Initiative. Auch die Jungschar der Kirchengemeinde, von jungen Müttern geleitet, die offen für alle Konfessionen ist, wird in der Altersgruppe bis 14 Jahre rege nachgefragt. Dazu kommt das Angebot der örtlichen Vereine, die Kinderturnen und andere sportliche Aktivitäten anbieten.

Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang der örtliche Kindergarten mit einer engagierten Leitung, der in zwei Gruppen die Kinder von zwei Jahren bis zum Schuleintritt aufnimmt und mitten im Dorf in der ehemaligen Schule untergebracht ist. Von dort kommen wichtige Impulse für das dörfliche Leben, denn bei fast allen Veranstaltungen sind die Kinder und der Kindergarten unterwegs.

Diese breiten sozialen Aktivitäten schaffen insgesamt eine familien- und kinderfreundliche Atmosphäre, die weit über Drommershausen hinaus ausstrahlt, auf junge Menschen anziehend wirkt und so immer wieder neue Familien in das Dorf bringt. Wer Erfolgsfaktoren für die positive örtliche Entwicklung sucht, der wird hier am ehesten fündig.

So entsteht auch eine starke Bindung der Jugendlichen an ihren Heimatort, die sich bei Veranstaltungen, beim Sport, bei Aktionstagen, aber auch im Alltag zeigt. Zusätzliche Identifikation entsteht durch den „DROMMI“ eine weit über das Dorf hinaus bekannte Symbolfigur, die Tradition und Zukunft gemeinsam verkörpert. In Form einer Comic-Figur wird ein ehemaliger Bergmann mit Grubenlampe und Pickel dargestellt und damit die Verbindung zur Bergbau, eine wichtige Einnahmequelle der früheren Jahre, hergestellt.

Drei wichtige Säulen für den Wettbewerb

Die Impulse durch den Freiwilligentag, die Konzentration der baulichen Entwicklung auf einen starken Kern und die sozialen Aktivitäten, die Drommershausen begehrlich für junge Familien machen, das waren und sind die drei tragenden Säulen, die das Selbstvertrauen für die Wettbewerbsteilnahme lieferten.

Natürlich gibt es noch ein Paket mit weiteren Pluspunkten, die alle wichtig waren. Die örtlichen Vereine gehören dazu, die alle wertvolle Breitenarbeit leisten und auch das freiwillige Engagement zur Erhaltung der Turnhalle, einem früheren Gewerbebau. Die Bereitschaft zur Verantwortung für eine älter werdende Bevölkerung. Auffällig ist die überdurchschnittliche Anzahl von Selbstständigen und kleingewerblichen Arbeitsplätzen. Auch die Grünordnung im öffentlichen und privaten Bereich ist zu erwähnen, für die es zwar kein professionelles Konzept gibt, doch es liegt eine Leitlinie vor, die bei der konzeptionellen Vorbereitung des Freiwilligentages entwickelt wurde und eine dorf- und landschaftsgerechte Gestaltung zum Ziel hat. Insgesamt genug Stoff, um in den Dorfwettbewerb zu starten. So jedenfalls die Meinung des Ortsbeirates und einer eigens dafür zusammengestellten Arbeitsgruppe.

Doch ohne Bevölkerung läuft nichts. In einer Informationsveranstaltung mit Claudia Kühn, vom zuständigen Amt für den ländlichen Raum in Hadamar gab es Hinweise und Aufklärung. Nicht mehr die Dorfverschönerung, mit der Bewertung von Erscheinungsbild und Blumenschmuck sei wichtig, sondern das Dorf mit einer Vision für die Zukunft, mit Engagement im gesellschaftlichen und sozialen Bereich, so die Botschaft.

Lebendig präsentieren – authentisch und ehrlich

Zum Schluss drehte sich alles um die Frage, wie denn die Kommission, die nur einen schlanken Zeitkorridor zur Verfügung hat, über die vielen Taten und Aktivitäten informiert wird. Ein Film? Eine Power-Point-Präsentation? Viel Folklore und Spektakel? Lange Begrüßungsreden? Das war alles nichts – denn lebendiges Präsentieren war angesagt, authentisch und ehrlich. Große Rundballen aus Stroh wurden in Form von Litfaßsäulen an unterschiedlichen Stellen aufgebaut. Die Themen wurden an verschiedene Personen verteilt. Die Regie lag beim Ortsvorsteher. Ein Ortsbewohner steuerte das Zeitmanagement. So lief dann auch der Rundgang durch den Ort ab, stahlender Sonnenschein, Jung und Alt war auf den Beinen und verfolgte alles sehr genau und zum Abschluss bewirtete der Kindergarten die vielen Gäste aus Nah und Fern.

Für ein kleines Dorf ist die Wettbewerbsteilnahme ein bleibendes Erlebnis. Nicht die Präsentation steht im Mittelpunkt, sondern die zu präsentierenden Themen. Dafür reichen drei Monate Vorbereitungszeit nicht aus, denn dann wird alles zu einer Show. Die dörfliche Entwicklung der zurückliegenden Jahre und die Perspektiven für die Zukunft müssen mit den Zielen des Wettbewerbs übereinstimmen, das ist wichtig. Und dies ist sachlich und präzise vorzustellen. Mehr ist für eine erfolgreiche Teilnahme nicht erforderlich.

Mit den Erfahrungen des Regionalentscheids wird Drommershausen im Jahre 2015 an dem Landesentscheid teilnehmen und auch gewinnen, das ist klar. Denn der Wettbewerb zwingt zum Nachdenken über die Zukunft des Ortes, er mobilisiert und motiviert, er bringt Aufmerksamkeit und Interesse, er macht neugierig und liefert viele Erkenntnisse. Das ist die eigentliche Siegesprämie und eine gute Belohnung für die Vorbereitungen und das Engagement.

Die Platzierung allein steht nicht im Mittelpunkt.

Text und Bilder: Hartmut Bock

Hinweis:

  • Der obige Beitrag stammt vom März 2015. Zwischenzeitlich hat Drommershausen am Landesentscheid teilgenommen und einen erfolgreichen dritten Platz beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ belegt. Zusätzlich gibt es einen Sonderpreis zum Thema „Jugend im Dorf“.
  • Eine aktuelle Information zum Landesentscheid und zur Siegerehrung finden Sie in einem Beitrag vom 13.10.2015. Klicken Sie hier.
  • Der obige Beitrag wurde aktualisiert und in der Mitgliederzeitschrift der Hessischen Akademie der Planung und Forschung im ländlichen Raum, im Heft 50 vom Oktober 2015, veröffentlicht. Den Beitrag finden Sie hier.

 

 

Eine Bildergalerie mit Fotos aus Drommershausen und vom Rundgang der Bewertungskommission im Sommer 2014

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