Ortsbeiräte – Kraft für das Dorf

Drommershausen im Frühjahr 2017. Der Freiwilligentag startet. Über 100 Bewohner aus dem 500-Einwohner-Ort nehmen teil. Vorbereitet und gesteuert von einer Arbeitsgruppe rund um den Ortsbeirat.

Demokratie leben, eine Serie im Weilburger Tageblatt, beleuchtet derzeit die Rolle und Aufgaben der kommunalen Gremien. Für die Ortsbeiräte sieht es schlecht aus, denn es bleibt nicht mehr viel übrig. Sie haben ein „geringes Mitspracherecht“, schreibt die Zeitung und so will es auch die Hessische Gemeindeordnung (HGO).

Da stellt sich die Frage, ob am Ende nur die Rolle einer „Dorf-Lobby“ bleibt, wie leicht abwertend das Tageblatt folgert.

„Rettet das Dorf“

Professor Gerhard Henkel hat mit seinem viel beachteten Buch „Rettet das Dorf“ eine Diskussion zur Zukunft des ländlichen Raumes ausgelöst.

Das kann und darf nicht sein. Wir leben in einer Zeit des dörflichen Wandels und der Landflucht, insbesondere junge Menschen ziehen aus vielen Orten weg in die Stadt oder das Ballungsgebiet. Der Laden, der Bäcker und der Metzger haben längst geschlossen, die Bank, die Post und das Rathaus ziehen sich zurück, Gaststätten haben es immer schwerer und die großen Kirchen dünnen die Versorgung mit Pfarrern aus. Auch die Gesundheitsversorgung mit Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern steht auf dem Prüfstand, weil junge Mediziner die Stadt bevorzugen. In der Fachwelt wird diese Entwicklung sehr genau beobachtet, denn es kann nicht das Ziel sein, die ländlichen Räume ausbluten zu lassen. Professor Gerhard Henkel von der Universität Duisburg-Essen hat mit seinem viel beachteten Buch „Rettet das Dorf“ die Situation gut beschrieben und er fordert von der Politik Gegenstrategien, um den Prozess der Abwanderung und Überalterung zu stoppen. Auch Susanne Höll von der Süddeutschen Zeitung hat vor wenigen Tagen mit der Schlagzeile „Rettet die Dörfer!“ das Thema aufgegriffen.

Eine Botschaft, die noch nicht überall angekommen ist, die Politik reagiert träge, ernst zu nehmende Handlungsansätze fehlen und der Trend zur Konzentration von Verwaltungen, Einzelhandelsmärkten und Finanzdienstleistern ist bisher noch nicht gestoppt.

Eine Vision für die Zukunft

Hier liegt die Chance für die Ortsbeiräte, denn in diesem Umfeld haben sie eine wichtige Funktion. Sie sind Impulsgeber für gemeinschaftliche Initiativen, für soziale und kulturelle Aktivitäten und für die örtliche Lebenskraft. Die Teilnahme von Drommershausen am Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, hat dies eindrucksvoll gezeigt und nach der Beachtung der HGO wurde nicht gefragt. Hat der Ort eine Vision für die Zukunft, identifizieren sich die Bewohner mit dem Ort, gibt es leere Häuser im Ortskern, welche sozialen Initiativen gibt es? Versorgung, lebendige Vereine, Jugend im Dorf, Arbeitsplätze, Grün und mehr? Das alles waren die wichtigen Themen für eine zukunftsorientierte Entwicklung. Ortsbeiräte müssen diesen Prozess aufgreifen, die Diskussion anschieben und so für die Lebendigkeit der dörflichen Gemeinschaft und ein positives Selbstbild sorgen. Die rechtlichen Grenzen der HGO spielen hier keine Rolle.

Auch die kommunalen Rathäuser haben die Bedeutung dieser Gremien für die Entwicklung einer Kommune vielfach noch nicht erkannt. Eine intakte Infrastruktur, ein großes Dorfgemeinschaftshaus oder ein neues Baugebiet – das alles hilft heute nicht mehr, die Landflucht zu stoppen.

Aktivitäten zahlen sich aus

Demokratie leben – eine Artikelserie im Weilburger Tageblatt.

Engagierte Bürgerinnen und Bürger und aktive Dorfgemeinschaften sind wichtige Grundlagen für eine gute Zukunft. Diese Aktivitäten zahlen sich aus. In lebendigen Orten ist die Bereitschaft zum Wohnen, zum Investieren und zur Gründung einer jungen Familie mit Kindern deutlich höher. Viele wissenschaftliche Studien belegen dies und das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat dies eindrucksvoll in mehreren Forschungsberichten bestätigt. Bereits jetzt gibt es Beobachtungen, nach denen sich vergleichbare Orte ungleich entwickeln. Diese Tendenz wird zunehmen. Allerdings ist das ein schleichender Prozess, der längere Beobachtungszeiträume erfordert.

Wenn die Ortsbeiräte diese Aufgaben aufgreifen, dann sind sie ein wichtiger Garant für die Zukunft des Dorfes. Die kommunale Politik und insbesondere der Landesgesetzgeber sind gut beraten, wenn sie die Ortsbeiräte aufwerten und die rechtlichen und finanziellen Grundlagen für eine breitere Aufgabenpalette schaffen. Kleine Korrekturen können schon kräftige Entwicklungsimpulse auslösen.

Ein Beitrag von Hartmut Bock, Stadtverordneter in Weilburg
(In leicht gekürzter Form wurde dieser Text als Leserbrief an das Weilburger Tageblatt gegeben.)


Weitere Informationen:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Drommershausen, Stadtentwicklung Weilburg abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s