Der Tod einer Linde

Eine Bank, ein Baumstumpf, ein Haufen Herbstlaub – hier stand eine prächtige Linde, würdevoll und ein Gewinn für Drommershausen.

Aus. Ende. Vorbei. So erging es der Linde in Drommershausen, die über dreißig Jahre an markanter Stelle auf der Burg den Ortsrand des Dorfes prägte, Schatten spendete, Bienen und Insekten Nahrung gab, Bewohner und Wanderer erfreute und zum Dorf gehörte, wie der Kirchturm zur Kirche. Am letzten Samstag im Oktober 2017, an einem nebligen Vormittag, ist sie kalt und herzlos der Motorsäge zum Opfer gefallen. Sie stand im Weg, so ist zu hören, weil die Stadtwerke in Weilburg einen Schaden an den Rohrleitungen fürchteten, die in der Nähe vorbei liefen. Das Verlegen der Leitungen sei zu teuer und deswegen muss die Linde weg. Sie störte. Als ob man die Natur mit Geld aufwiegen könne.

Ein Freund der Linde

Ein Freund der Linde war offenbar der frühere Bürgermeister der Stadt Weilburg, Hans-Peter Schick, auch das ist jetzt zu hören, weil er sich für die Erhaltung stark gemacht hat. “Die Linde bleibt stehen”, so seine Entscheidung und das war gut. Doch das ist Vergangenheit und jetzt gelten neue Regeln.

Das Weilburger Tageblatt berichtete am 22.11.1986 von der Pflanzaktion

Dabei fing alles so gut an. Im Jahre 1986 wurde Günter Haibach neuer Ortsvorsteher in Drommershausen. Bewegung kam ins Dorf. Umwelttage, Baumpflanzaktionen und Kinderfeste. Der Ausbau der Ortsstraße wurde voran getrieben. Alles Aktivitäten die wichtig waren, weil Engagement und Eigeninitiative angeregt wurden. Die Fundamente für die heutigen Erfolge beim Wettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft” wurden damals gelegt.

Ein „Kind“ von Günter Haibach

Eine der ersten Freiwilligenaktionen war die Pflanzung von vier Laubbäumen, drei Linden und einer Esche. An herausgehobenen Stellen sollten sie stehen, das Ortsbild prägen und auch Anreiz für Nachahmer sein. Alles war gut geplant, mit der Stadt, die das finanzierte, abgestimmt. Eine gemeinsame Aktion mit der örtlichen Feuerwehr, über die auch das WEILBURGER TAGEBLATT berichtete.

Die Linde auf der Burg, so ist der Flurname, stand an einer Wegegabelung, die einen schönen Blick über Drommershausen ermöglichte. Sie war ein “Kind” von Günther Haibach, er hatte die Patenschaft, er schleppte hunderte Liter Wasser schwitzend zu ihr, damit sie gut anwächst und auch gut gedeiht. Das ist ihm gelungen, denn sie war die Schönste von allen. Sie hätte den Namen von Günther Haibach verdient.

Der Schaden ist nicht mehr zu reparieren

Das alles ist jetzt Vergangenheit. Der Schaden ist nicht mehr zu reparieren. Die Suche nach Schuldigen hilft nicht weiter, denn der Baum ist ja weg. Wer hätte das verhindern können? Der Ortsbeirat, wenn das Thema als öffentlicher Tagesordnungspunkt behandelt worden wäre? Die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis, wenn sie frühzeitig beteiligt worden wäre? Die Stadt Weilburg, wenn sie mehr Verständnis für Grün im Dorf hätte? Alles Fragen, die nicht mehr weiter helfen.

Die Nachbarn hatten sich mit der Linde angefreundet. Uns war sie nicht im Weg, so die Auskunft.

Zurück bleibt die Hoffnung

Bäume gibt es überall, das werden jetzt die Menschen sagen, denen der Tod einer Linde egal ist. Doch das stimmt nicht. Frei stehende Bäume, Solitärbäume an herausgehobener Stelle, haben Charakter und Würde. Sie geben dem Dorf ein Gesicht, machen es unverwechselbar und sind auch ein Heraushebungsmerkmal, wie es besser nicht sein kann. Viele werden erst später den Verlust erkennen und bedauern. Ein Haus kann man schnell wieder aufbauen, doch es dauert eine ganze Generation, bis ein junger Baum diese Größe erreicht.

Zurück bleibt die Hoffnung auf Besserung, denn so etwas darf sich nicht wiederholen. Schlimm wäre es, wenn die jetzt bei Freiwilligenaktionen gepflanzten Bäume auch in einigen Jahren leichtfertig der Motorsäge zum Opfer fallen. Dann wäre nicht nur “Grün kaputt”, sondern auch die Motivation für Eigenleistung und Mithilfe im Dorf zerstört.

Ein Beitrag von Hartmut Bock, Weilburg-Drommershausen


Drommershausen soll ergrünen – im Jahre 1986 wurde Günter Haibach neuer Orstvorsteher. Mehr Grün im Dorf, mehr Eigeninitiative, mehr Zukunft für Drommershausen, das waren seine Ziele (Ein WT-Bericht vom 22.11.1986)

 

6 Kommentare zu „Der Tod einer Linde

  1. Wieso hat die Stadtwerke das Recht ,ohne Rücksprache mit dem Ortsbeirat die Linde zuköpfen? Müssen wir uns das gefallen lassen!!!

      1. Eigentümer der Fläche ist die Stadt Weilburg. Vermutlich waren die Verantwortlichen dort mit der Abholzung einverstanden. Leider! Genaue Infos dazu liegen nicht vor.

      2. Ein Jahr nach dem Einpflanzen gehört jede Pflanze dem Besitzer des Grund und Bodens, somit auch die Verfügungsgewalt und Obhutspflichten. Ich glaube, dass die Stadt Weilburg keine Baumsatzung hat, was vor Ort geprüft werden muß. Wenn die Stadt Weilburg im Benehmen mit den eigenen Stadtwerken so entschieden hat, kann man das nur durch die Rechte der Bürger zur Akteneinsicht klären. Die Linde ist eine aktiver Flachwurzler, der Feinwurzeln im Oberbodenbereich entwickelt, Diese können im Gewässerbereich schon mal wirksam negativ an alten Muffen der Entwässerungsrohre sein. Wenn es sich um Elektrokabel oder Wasserleitungen handelt können keine Schäden durch die Wurzeln entstehen. Mein Vorschlag zur Güte, die Lindenstadt Weilburg pflanzt eine neue Linde an einem passenden historischen Ort und sorgt dafür das die Leitungspläne der Stadtwerke vorher dem Bürger bekanntgegeben werden. Der alte Baumtorso oder Stumpf treibt sicherlich im nächsten Frühling aus der Stammbasis mehrfach aus, dadurch entsteht eine mehrstämmige Linde.

  2. Es ist eine Schande für unsere Gesellschaft, dass durch Profitgier, bedingungslose Paragraphenreiterei, Fehleinschätzungen, mangelnde Kommonikation, Ausnutzung von Machtpositionen oder einfach nur Gedankenlosigkeit so etwas passiert, leider sehr oft passiert.
    Bäume, gerade Linden, unnütz zu fällen betrachte ich als Sünde an der Natur.
    Gerade jetzt, wo die Diskussion um das Insektensterben endlich in Gang kommt und erste kleine Maßnahmen dagegen ergriffen werden, grenzt diese Aktion an Dummheit.

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