„Ihr seid ja verrückt! ….!

Bahnhof Weilburg. Hier läuft die Bahnstrecke Koblenz – Limburg – Weilburg – Gießen – Fulda. Nach Vorstellung der Weilburger Sozialdemokraten soll sich der Bahnhof zu einem Endpunkt der Direktverbindung Frankfurt – Weilburg entwickeln.

Die SPD in Weilburg und die Reaktivierung der Weiltalbahn

„Ihr seid ja verrückt. Alles viel zu teuer und die Gleise sind auch schon kaputt. Und in Weilmünster steht sogar ein Haus auf der Bahnstrecke.“ So oder ähnlich wird mancher Zeitgenosse aus dem Weilburger Land argumentieren, wenn er den Vorschlag der Weilburger SPD von der Reaktivierung der Weiltalbahn hört. Diese Meinung war auch vor zehn Jahren richtig. Damals war das Auto das zentrale Fortbewegungsmittel, über die Bundesstraße 456 oder die Autobahnen A 3 und A5 gab es eine Anbindung nach Rhein-Main. Über die täglichen Staus wurde gemeckert, doch die Pendler haben diese Kröte geschluckt. Der öffentliche Personenverkehr lief über Gießen und Limburg. Auch da gab es volle Züge, lange Fahrzeiten, aber keine echte Alternative.

Politik ist zum Handeln gezwungen

Reaktivierung von Schienenstrecken in Hessen. Eine Initiative des Verkehrsministers Tarek Al-Wazir

Doch die Zeiten haben sich kräftig geändert. Dem Auto, besser gesagt dem Verbrennungsmotor bläst der Wind ins Gesicht. Die Luftverschmutzung und der Schadstoffausstoß haben eine schlimme Dimension erreicht. Der Klimawandel ist in vollem Gange und nach einem Sommer mit vielen Wetterextremen bekommt der Klimaschutz wieder einen Stellenwert. Es ist vollständig offen, wie der Individualverkehr in Zukunft aussieht. Die Politik, die sich jahrelang weggeduckt und auch die Schummeleien der Autoindustrie übersehen hat, ist zum Handeln gezwungen und muss eine neue Mobilitätspolitik entwickeln. Die Initiative des Hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministers Tarek Al-Wazir  zur „Reaktivierung von Schienenstrecken in Hessen“ ist deswegen logisch und konsequent. Denn mit dem schienengebundenen Verkehr steht eine Technologie zur Verfügung, die bei innovativer Weiterentwicklung auch in Zukunft funktioniert.

Die Entlastungsfunktion wird nicht erkannt

Allerdings ist dieser Vorstoß aus dem Hessischen Verkehrsministerium ausgesprochen zögerlich und der schnelle Umsetzungswille ist nicht erkennbar. Die anstehende Landtagswahl hat hier den Takt geschlagen und was danach passiert wissen wir nicht. Wir brauchen eine moderne Mobilitätspolitik, die Stadt und Land besser miteinander verbindet. Nur so wird es gelingen, den Zuwanderungsdruck in den Metropolen abzubauen und gleichzeitig den ländlichen  Raum zu stärken, ein wichtiges Ziel, welches Nutzen auf beiden Seiten stiftet. Im Moment platzt Frankfurt aus allen Nähten. 15.000 neue Einwohner jedes Jahr brauchen Wohnraum, Infrastruktur, Kindergärten und Schulen. Die Akteure vor Ort haben diese Entwicklung vollständig verschlafen und reagieren jetzt planlos und hektisch, rufen nach neuem Bauland und Investitionen für den Wohnungsbau. Die Entlastungsfunktion eines intakten ländlichen Raumes erkennen die Parteien in Wiesbaden nicht, denn es gibt viele Orte in Hessen, in denen Bauland, Wohnraum und eine gute Infrastruktur vorhanden sind oder entwickelt werden können.

Gegenstrategie durch Stärkung ländlicher Räume

Hessen besteht nicht nur aus Rhein-Main. Viele ländliche Regionen und Kleinstädte leiden unter der Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen. Wichtige Ressourcen gehen verloren. Boomende Großstädte und stagnierende oder schrumpfende strukturschwache Räume schaffen Probleme auf beiden Seiten. Gut ist das nicht, denn steigende Kosten in wachsenden Städten stehen Leerstände und Wertverluste in vielen ländlichen Orten gegenüber.  Eine wirkungsvolle Gegenstrategie gelingt nur durch die Stärkung ländlicher Räume als Wohn- und Lebensraum. Die Chancen dafür stehen gut, denn nach einer Umfrage der Bundesstiftung Baukultur wollen 44 % am liebsten in einer Landgemeinde wohnen, 33 % in einer Klein- oder Mittelstadt und nur 21 % in der Großstadt (Quelle: Bundesstiftung Baukultur). Allerdings müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Qualifizierte Jobs für gut ausgebildete junge Menschen, ein attraktives Wohnraumangebot, ein intaktes Wohnumfeld mit guter Nahversorgung und kurze Wege zum Arzt und anderen Dienstleistern.  Ein gutes Bildungsangebot und leistungsfähige Datennetze sind eine Grundvoraussetzung.

Eine wichtige Rolle spielen die Mobilität, der Nahverkehr und die schnelle Verbindung zur nächsten Großstadt. Kleine Korrekturen reichen nicht aus um ein neues Zusammenspiel zwischen Stadt und Land zu entwickeln. Das kostet Millionen, besser gesagt Milliarden, wird aber die Strukturen im ganzen Land stärken und stabilisieren.

Wachstumsdynamik oder verträumte Kleinstadt?

Bahnhof Freienfels. Reste der ehemaligen Weiltalbahn sind noch gut zu erkennen.

Damit sind wir wieder bei der Reaktivierung der Weiltalstrecke. Als der Landrat des Hochtaunuskreises Jürgen Banzer sich für die Taunusbahn einsetzte, haben viele den Kopf geschüttelt. Doch im Ergebnis war das Projekt erfolgreich und die Schienenanbindung bis Grävenwiesbach wird intensiv genutzt und bringt neue Bewohner in den Taunus. Eine Verlängerung bis Weilburg wird sich segensreich für die gesamte Region auswirken. Entsteht Wachstumsdynamik oder entwickeln wir uns zu einer verträumten Kleinstadt? Die Anbindung an Rhein-Main schafft eine Bleibeperspektive für junge Menschen, bringt einen Zuwachs an Bewohnern und stärkt die Strukturen. Es gibt Wertschöpfung und ein Stück mehr Zukunft. Und auch Frankfurt freut sich, wenn es dort ein Kombi-Ticket für Bahn und Rosenhang-Museum oder Schlosskonzerte in Weilburg zu kaufen gibt. Alles Zukunftsmusik? Doch „verrückt“ ist die Überlegung zur Aktivierung der Weiltalbahn nicht, denn im Moment werden viele Weichen für die Entwicklung im Lande neu gestellt.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Die Frage ist im Moment schwer zu beantworten. Egal wie die Antwort aussieht, für die Stadt Weilburg ist eine gute Anbindung nach Rhein-Main wichtig. Ansonsten wird die Wachstumsdynamik an der Stadt vorbei laufen.

Text und Fotos: Hartmut Bock

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