Bad Karlshafen – eine Stadt im Aufbruch

Bürgermeister Marcus Dittrich aus Bad Karlshafen präsentierte den Besucherinnen und Besuchern der Hessischen Akademie der Planung und Forschung im ländlichen Raum (HAL) eine aufstrebende Stadt, die sich mit Mut und Ideenreichtum auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.

HAL(t) vor Ort informiert sich über Stadtentwicklung

„Endlich wieder Wasser im Hafen“. So titelte am 8. November 2018 die Hofgeismarer Allgemeine über ein Jahrhundertereignis in der 3.500-Einwohner-Stadt, im nördlichsten Zipfel von Hessen. Nach jahrelanger öffentlicher Diskussion und einer aufwändigen Baumaßnahme wurde das Hafenbecken wieder in Betrieb genommen und mit Wasser gefüllt. Am darauffolgenden Wochenende besuchte die Hessische Akademie der Planung und Forschung im ländlichen Raum in ihrer Reihe „HAL(t) vor Ort[1]“ die aufstrebende Stadt, um sich über die vielen Aktivitäten und Initiativen zu informieren. Mit dabei waren der Vorsitzende Professor Dr. Siegfried Bauer und Karl-Christian Schelzke, Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Kuratoriums der Akademie. Bürgermeister Marcus Dittrich aus Bad Karlshafen begrüßte die Gäste im Alten Rathaus im Stadtteil Helmarshausen und präsentierte dabei eine Stadt im Wandel, die sich den aktuellen Herausforderungen stellt und die Chancen für eine gute Zukunft ergreift.

Einfach ist diese Aufgabe für eine Kleinstadt, mit nur 3.658 Einwohnern (Stand 07/2018) nicht, denn die Metropolregionen wachsen derzeit von selbst und auch die 50.000-Einwohner-Städte mit Hochschule und guter Verkehrsanbindung haben Zulauf.  Bad Karlshafen muss gegen diesen Trend kämpfen. Bei der Einwohnerentwicklung gibt es erste Lichtblicke. Im Januar 2005 gab es noch 3.956 Einwohner, doch dann folgte eine Reduzierung auf 3.488 Einwohner im August 2014. Doch mittlerweile sind wieder rund 200 neue Bürger dazu gekommen. Leerstehende Hotels, leere Wohngebäude und Geschäfte, die Innenstadt sind zentrale Themen der Stadtentwicklung. Rückschläge durch die Schließung der Kreisklinik in Helmarshausen im Jahre 2013 oder eines REWE-Marktes (2016) und eines ALDI-Marktes (2018) waren zu verkraften.

Wenige Spielräume gibt es bei den Kommunalfinanzen, denn die Stadt ist mit einem Betrag von 10.300 Euro je Einwohner (Stand 31.12.2017) hoch verschuldet.  Ein Spitzenplatz in Hessen. Eine Ursache dafür ist das finanzielle Engagement beim Bau der Weser-Therme im Jahre 2004 mit Kosten über 20 Millionen Euro. Betrieben wird das Bad inzwischen von einer stadteigenen Gesellschaft[2].

Doch die Stadt Bad Karlshafen, die 1699 als Sieburg (Syburg)[3] von Landgraf Karl als Exulantenstadt von Hessen-Kassel zur Ansiedlung von Hugenotten, protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, gegründet wurde[4], hat einiges zu bieten. Eine attraktive Lage an der Weser, direkt an der Mündung der Diemel, umgeben vom Reinhardswald und dem Solling. Die Verkehrsanbindung erfolgt über die Bahnlinie Göttingen – Paderborn und die Bundesstraßen 83 und 80 erschließen den Ort.  Mit zwei Kindergärten, einer Grund- und Gesamtschule gibt es ein gutes Bildungsangebot. Ein großer Kursaal bietet Platz für die kulturellen Darbietungen. Die Nahversorgung ist durch einen Edeka-Markt und einer Bäckerei und eine Fleischerei in jedem Stadtteil gesichert. In der Stadt mit einer heilkräftigen Solequelle befindet sich eine Reha-Klinik mit insgesamt 327 Betten und etwa 210 Arbeitsplätzen.  Das touristische Angebot wird von der stadteigenen Bad Karlshafen GmbH organsiert, mit Gaststätten, Hotels und Campingplatz und einem attraktiven Ganzjahresangebot. Hier startet auch der Hugenotten- und Waldenserpfad, ein europäischer Kulturwanderweg, der bis nach Le Poet-Laval in Frankreich und Torino in Italien führt[5].  153.000 Übernachtungen hatte die Stadt im Jahre 2017, nach einem Rückgang in den Vorjahren wieder mit einer steigenden Tendenz.  In der einmaligen historischen Stadtanlage befindet sich das Deutsche Hugenottenmuseum, in dem die Geschichte der Glaubensflüchtlinge dargestellt wird.

Eine besondere Attraktion ist die Weser-Therme, mit einem attraktiven Angebot und Solebecken im Innen- und Außenbereich, die einen gesunden und entspannten Aufenthalt in mediterranem Ambiente ermöglichen[6].

Die Weichen für die Zukunft richtig stellen

Vordergründig sind das gute Voraussetzungen für die Stadt im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen. Doch es gilt, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Im Rahmen dieser Diskussion wurde das Projekt „Wiederanbindung des historischen Hafens an die Weser – ein nationales Projekt des Städtebaus“ entwickelt. Es sprengt den Rahmen dieser Veröffentlichung, die emotional geführte Diskussion in der Frühphase zu beschreiben, die bis zu einem Bürgerentscheid[7] führte, der knapp zu Gunsten der Durchführung ausfiel.

Der Weg war frei – für die Umsetzung eines mutigen und gigantischen Projektes, welches die Stadt in einem Infoblatt wie folgt beschreibt:

„Der Hafen – Mittelpunkt und Namensgeber der Stadt Bad Karlshafen – wurde um 1930 von der Weser getrennt: die Schleuse zur Weser wurde geschlossen, die Drehbrücke über die Weserstraße (B 80) abgebaut und ein Damm errichtet, der Weser und Schleusenkanal vom Hafen trennt.

Mit der Wiederanbindung des historischen Hafens an die Weser wird ein städtebauliches Gesamtkonzept verfolgt, um den Hafen wieder zum Mittelpunkt der Stadt zu machen und die baukulturell-historische Bedeutung wieder zur Geltung zu bringen. Der Hafen soll wieder Mittelpunkt und Magnet für Wassertouristen, Tages- und Feriengäste und Bürger der Stadt werden.“

Für Planung und Bau sind Kosten in Höhe von 8,1 Mio. Euro angefallen, die mit 5,5 Millionen Euro bezuschusst wurden. Der Bund beteiligte sich mit dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ und über den städtebaulichen Denkmalschutz des Landes gab es weitere Mittel, kofinanziert aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Ehrgeizig auch der Zeitplan mit einem Start (Planung) im September 2016, der Baubeginn folgte im Juli 2017 und der Flutung des Hafenbeckens im November 2018. Eine Herkulesaufgabe für eine kleine Kommunalverwaltung, wie Bürgermeister Dittrich beim Rundgang erläuterte.  Bauherr war die Stadt Bad Karlshafen, die aber für die Projektsteuerung die HA Hessen Agentur GmbH einschaltete. Die Gesamtplanung wurde einer eigens für diese Aufgabe gebildeten Ingenieurgemeinschaft übertragen. Die Umsetzung lag bei der „JOHANN BUNTE Bauunternehmung GmbH & Co. KG“ aus Papenburg, einem leistungsfähigen Bauunternehmen, welches beim Bau des Tiefwasserhafen JadeWeserPort in Wilhelmshaven und weiterer vergleichbare Objekte das erforderliche Know-how unter Beweis stellte.

Flankierende Maßnahmen

Natürlich wird dieses Megaprojekt von einer Reihe an Maßnahmen flankiert, mit denen sich die Stadt zukunftsfest aufstellt. Bereits 2011 erfolgte die Erstellung eines Stadtmarketingkonzeptes, ein integriertes Handlungskonzept (IHK) stand 2014 auf der Tagesordnung, mit einer Fortschreibung im Jahre 2018. Für den Stadtteil Helmarshausen gab es 2018 ebenfalls ein „Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK)“. Richtungsweisende Planungen als Grundlage für anstehende Aktivitäten und Förderprogramme. Über den „Städtebaulichen Denkmalschutz“ werden öffentliche und private Maßnahmen bis zum Jahre 2024 in beiden Stadtteilen gefördert.  Bereits jetzt sind 25 private Projekte in der Umsetzung.

Beratungen und Investorengespräche laufen, auch mit dem Ziel, weitere Förderprogramme zu nutzen. Über die LEADER-Region „KulturLandschaft HessenSpitze“ wird zum Beispiel die Erweiterung einer Fleischerei unterstützt. Ein Existenzgründerwettbewerb zur Altstadtbelebung startete 2017 und im Folgejahr wurden bereits die ersten Preise verteilt. 2018 beteiligte sich die Stadt an der Landesinitiative „Ab in die Mitte“.

Doch es geht im Jahre 2019 noch weiter. Im Zentrum steht die Innenstadtentwicklung mit der Umgestaltung des Hafenumfeldes und des Hafenplatzes.  Über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung ist die Teilnahme an dem Programm „Lokale Ökonomie“ vorgesehen. Das Stadtmarketingkonzept wird weiter umgesetzt und der Beitritt zum „Historischen Weserbergland“, der Weserbergland Tourismus e.V. ist geplant. [8] Ehrgeizig sind auch erste Planungen für ein neues zeitgemäßes Hotel in der Stadt, mit einer Kapazität von zirka 70 Zimmern.

Die Arbeit wird in Bad Karlshafen nicht ausgehen, da ist sich Bürgermeister Marcus Dittrich sicher. Wichtig sind auch weiterhin ein positives Selbstbild und eine Aufbruchstimmung in der Bevölkerung, die motiviert und Menschen ermuntert, sich für ihre Stadt zu engagieren. Geld und die Teilnahme an Förderprogrammen reicht für die Zukunft nicht aus. Einfach ist das nicht, denn allgemeine Entwicklung im ländlichen Raum, die begrenzte Finanzkraft der Kommunen oder auch die demografische Entwicklung, sind große Herausforderungen, die zu bewältigen sind.

Anerkennung und Lob gab es zum Abschluss von den Vertretern der Hessischen Akademie der Planung und Forschung im ländlichen Raum, denn in einem schwierigen Umfeld ist es den Verantwortlichen der Stadt Bad Karlshafen gelungen, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Auch der zum Teil kontrovers geführte Bürgerdialog hat im Ergebnis der Stadtentwicklung genutzt, da eine intensive Auseinandersetzung mit Methoden und den geplanten Projekten stattgefunden hat. Insgesamt sind das Vorgehen und die Umsetzung mustergültig und beispielhaft und sollte auch für weitere Kommunen ein Anreiz sein.


[1] HAL(t) vor Ort – Mitglieder der HAL und interessierte Gäste besuchen wichtige Institutionen und Verbände und informieren über aktuelle Themen

[2] Quelle: http://regiowiki.hna.de/Weser-Therme_Bad_Karlshafen

[3] Der Name leitete sich von der 274 Meter hohen Erhebung Sieburg im nördlichen Reinhardswald ab.

[4] Quelle: www.wikipedia.de

[5] Quelle: https://www.hugenotten-waldenserpfad.eu/

[6] Mehr Informationen unter: https://www.wesertherme.de/

[7] „In einem höchst spannenden Finale ist am Sonntagabend der Bürgerentscheid um die Hafenöffnung ganz knapp mit 51,1 gegen 48,9 Prozent der Stimmen zugunsten des Tourismusprojektes ausgegangen.“ Quelle: www.hna.de vom 7.2.2016.

[8] Siehe: http://www.historisches-weserbergland.de/

Text und Fotos: Hartmut Bock, Weilburg (Vorstandsmitglied der HAL)

Der obige Beitrag wurde in den Mitteilungen der Hessischen Akademie der Planung und Forschung im ländlichen Raum (HAL-Mitteilungen) veröffentlicht. Siehe auch hier.

Nachfolgend finden Sie eine Bildergalerie mit Aufnahmen vom Besuch der HAL-Delegation in Bad Karlshafen.

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